Geschichte von Wengen
Die Anfänge
Wengen wurde 1268 erstmals in einem Kaufbrief als «auf dem Berge Wengen» erwähnt. Der Ortsname ist wahrscheinlich die Mehrzahl des alten Wortes «Wang», das einen mehr oder weniger steilen Berghang bezeichnet. Damit beschreibt der Name die Lage des Dorfes auf den Hängen oberhalb des Lauterbrunnentals.
Im Mittelalter gehörte das Lauterbrunnental zunächst verschiedenen weltlichen Herrschaften. Im 14. Jahrhundert gingen grosse Teile der Rechte und Besitzungen an das Kloster Interlaken über. Nach der Reformation gelangte das Gebiet unter die Herrschaft Berns. Bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bestand in Wengen eine eigene Bergschule – ein Hinweis darauf, dass sich auf der hoch gelegenen Terrasse eine beständige Dorfgemeinschaft entwickelt hatte.
Über Jahrhunderte lebte die Bevölkerung hauptsächlich von Landwirtschaft, Viehzucht, Alpwirtschaft und Waldnutzung. Die einzelnen Höfe lagen weit verstreut, und die steilen Wege ins Tal erschwerten den Austausch mit den umliegenden Ortschaften. Die enge Zusammenarbeit innerhalb der Dorfgemeinschaft war deshalb für das tägliche Leben besonders wichtig.
Die Entwicklung des Tourismus
Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kamen immer mehr Reisende, Naturforscher und Bergfreunde ins Lauterbrunnental. Die Route von Lauterbrunnen über Wengen, die Wengernalp und die Kleine Scheidegg nach Grindelwald gehörte zu den klassischen Reisen durch das Berner Oberland. Wengen war damals jedoch nur zu Fuss oder mit Tragtieren erreichbar.
Der entscheidende Wendepunkt kam 1893 mit der Eröffnung der Wengernalpbahn. Die Zahnradbahn verband Lauterbrunnen über Wengen mit der Kleinen Scheidegg und Grindelwald. Dadurch konnten Gäste das Bergdorf wesentlich einfacher erreichen. Gleichzeitig liessen sich Lebensmittel, Baumaterialien und andere Güter zuverlässiger transportieren. Die neue Bahn führte zu einem starken Anstieg der Besucherzahlen und zum Bau zahlreicher Hotels.
In den folgenden Jahrzehnten entstanden stattliche Hotelbauten, Pensionen und Gästehäuser. Holzhäuser, Chalets und Hotels aus der Belle Époque und dem Jugendstil prägen das Ortsbild teilweise bis heute. Einen weiteren Aufschwung brachte die Jungfraubahn, die 1912 den Betrieb bis zum Jungfraujoch aufnahm. Wengen wurde damit zu einem wichtigen Ausgangspunkt für Reisen in die hochalpine Berg- und Gletscherwelt.
Wintersport und Lauberhorn
Anfangs war Wengen vor allem ein Sommerferienort. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckten jedoch immer mehr Gäste den Winter in den Alpen. Besonders britische Besucher trugen dazu bei, Skifahren, Curling und andere Wintersportarten in der Region bekannt zu machen.
Bereits 1904 wurde der Skiclub Wengen gegründet. Im Jahr 1921 fanden in Wengen die ersten britischen Skimeisterschaften statt, bei denen auch eine alpine Abfahrt zum Programm gehörte. Die Bergbahnen dienten den Skifahrern dabei als frühe Aufstiegshilfe. 1925 gründeten britische Gäste in Wengen den «Downhill Only Ski Club», der heute zu den ältesten alpinen Skiclubs Europas zählt.
Seit 1930 werden die Internationalen Lauberhornrennen ausgetragen. Die spektakuläre Abfahrt mit bekannten Streckenabschnitten wie Hundschopf, Kernen-S und Haneggschuss machte Wengen weltweit bekannt. Bis heute gehören die Rennen zu den bedeutendsten Wintersportveranstaltungen der Schweiz und sind ein wichtiger Bestandteil der Identität des Dorfes.
Die Geschichte des Skisports wird in Wengen weiterhin gepflegt. Skiclub, Skischule, Bergbahnen und zahlreiche freiwillige Helferinnen und Helfer geben ihre Erfahrung an kommende Generationen weiter und tragen dazu bei, dass Wengen ein international bedeutender Wintersportort bleibt.
Traditionen und Brauchtum
Trotz seiner internationalen Ausstrahlung hat Wengen viele seiner ländlichen Traditionen bewahrt. Die Alpwirtschaft ist noch immer ein sichtbarer Bestandteil des Dorflebens. Beim traditionellen Alpabzug von der Alp Wengen ziehen die geschmückten Tiere durch das Dorf und werden von Einheimischen und Gästen empfangen.
Folkloreabende mit Trachten, Volksmusik, Jodelgesang, Tanz und Trycheln halten das regionale Brauchtum lebendig. Auch der einheimische Dialekt, die Vereine und die enge Verbundenheit mit der Berglandwirtschaft prägen die kulturelle Identität des Ortes.
Daneben gehören die historischen Hotels, die Wengernalpbahn, die britische Wintersporttradition und die Lauberhornrennen inzwischen selbst zum kulturellen Erbe Wengens. Sie erinnern daran, wie eng die Geschichte des Dorfes mit der Entwicklung des Alpentourismus verbunden ist.
Wengen heute
Heute liegt Wengen als moderner Ferienort auf einer sonnigen Terrasse auf 1’274 Metern über Meer. Das Dorf ist autofrei und kann von Lauterbrunnen aus nur mit der Bahn, zu Fuss oder mit dem Fahrrad erreicht werden. Die Wengernalpbahn übernimmt neben dem Personentransport auch einen wichtigen Teil der Versorgung des Dorfes.
Wengen bietet zu jeder Jahreszeit ein vielfältiges Freizeitangebot. Im Sommer stehen Wandern, Bergtouren, Naturerlebnisse und Ausflüge zur Kleinen Scheidegg oder zum Jungfraujoch im Mittelpunkt. Im Winter bilden Skifahren, Schlitteln, Winterwandern und die Lauberhornrennen die wichtigsten Attraktionen.
Die autofreie Lage, die eindrucksvolle Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau sowie die Verbindung von historischen Hotels, traditionellen Holzhäusern und moderner touristischer Infrastruktur verleihen Wengen seinen besonderen Charakter. So verbindet das Dorf seine jahrhundertealte Geschichte mit einer zukunftsorientierten Entwicklung und zählt weiterhin zu den traditionsreichsten Ferienorten des Berner Oberlands.